"Beinander bleiben" mit Wellküren und zwei Drittel Biermösl Blosn
Nachrichten Stars, 3. Februar 2012, 12.45 Uhr | Kommentar schreibenWer die Geschwister Well derzeit treffen will, muss in die Katakomben der Münchner Kammerspiele hinabsteigen. Seit Anfang Januar probt dort Bayerns berühmteste musizierende Großfamilie für einen Hausmusikabend, der am Sonntag in den Kammerspielen Premiere hat. “Fein sein, beinander bleiben” haben sie ihn genannt – und meinen damit nicht nur ihr Programm.
Denn vor zwei Wochen hat sich nach etlichen Abschiedskonzerten die Biermösl Blosn endgültig getrennt. Jahrzehntelang haben die drei Volksmusik-Rebellen Hans, Michael und Stofferl Well in Lederhosen und tiefstem Bairisch gegen CSU-Filz, Umweltsauereien und Mia-san-mia-Mentalität angespielt. Die Großfamilie Well mit ihren 15 Kindern bleibt dennoch “beinander”, sie formiert sich musikalisch aber neu.
Für ihre Fans ist das eine Revolution: Erstmals vereinen sich die Wellküren, die singende Kabaretttruppe, bestehend aus Bärbi, Burgi und Moni Well, mit der ehemaligen Biermösl Blosn. “Naja, zumindest zwei Drittel Biermösl”, korrigiert Michael. Denn Hans Well hat mittlerweile andere Pläne. “Dafür schaut aber mal der Gerhard Polt vorbei oder die Toten Hosen.” Denn wie bei jedem Hausmusikabend erwarten die Wells Gäste. Wann wer kommt, wissen sie selbst noch nicht. Mit auf der Bühne ist die 92-jährige Mutter der Well-Geschwister. Stofferl Well: “Das machen wir ihr zum Geschenk, dass wir noch einmal alle zusammen auftreten.”
An der Rückseite der Probenbühne hängen Gitarren, eine Ukulele, eine Flöte griffbereit an groben Stricken von der Decke. Auf dem Boden liegt ein Dudelsack neben einer Tuba. Die Wells musizieren, seit sie denken können. In diesem Jahr feiern sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Deshalb wird der Hausmusikabend auch weniger politisch als sonst: Sie wollen ihre Familiengeschichte erzählen. Für Michael Well ist das der richtige Zeitpunkt: “Wir sind jetzt alle über 50, und mittlerweile hat jeder seine Persönlichkeit gefunden. Wir haben genügend ironische Distanz. Jetzt können wir auch ein Programm über uns selbst aufführen.”
Regie führt der Komponist Franz Wittenbrink. Den Blick von außen empfinden die Wells, die sich ansonsten selbst in Szene setzen, als angenehm. Und Stofferl Well schätzt Wittenbrinks Einfühlungsvermögen: “Wittenbrink kommt selber aus einer Familie mit 13 Kindern. Er kennt das Problem, das man als Individuum hat, wenn man in einer großen Familie aufwächst und sich in dem Riesenhaufen selbst finden muss. Das ist eigentlich der Hauptkonflikt, den man in einer großen Familie hat: Wie definiert sich jeder Einzelne selbst?” Da bei den Wells diese Selbstfindung über die Wahl eines Instruments stattgefunden hat, ist es für sie nur folgerichtig, ihre Familiengeschichte in einen Hausmusikabend zu gießen. Stofferl Well: “Als Trompeter habe ich mir einfach am besten Gehör verschaffen können. Und damit war klar: Ich bin unersetzlich. Aber wahrscheinlich haben unsere Eltern bei der Kindszeugung schon gesagt: “Gut, jetzt haben wir zwei Klarinetten, jetzt wäre eine Trompete nicht schlecht.”
Die Geschichten des neuen Programms nennt Michael Well “semi-authentisch”: “Da vermischen sich Fantasie und Wahrheit. Dinge, die wir selbst erlebt haben, spinnen wir im Programm weiter.” Und so ergänzen die Geschwister Well die Volksmusik, der sie schon so oft den Muff ausgeblasen haben, um eine weitere Geschichte – ihre eigene. dapd




