Bryan Adams rockt wieder wie früher

Nachrichten Stars, 1. März  2019, 12.58 Uhr | Kommentare deaktiviert
Bryan Adams

Foto: Polydor/Universal

Bryan Adams

Für ein Duett war Bryan Adams schon immer zu haben. Mit Tina Turner schmetterte er “It’s Only Love”, mit Spice Girl Melanie C sang er “When You’re Gone”, und mit Barbra Streisand nahm er die Schmachtballade “I Finally Found Someone” auf.

“Sie hatten alle etwas Wunderschönes”, sagt Adams der Deutschen Presse-Agentur. Auf seinem neuen Album hat der 59-Jährige wieder eine prominente Gesangspartnerin: Jennifer Lopez singt mit ihm “That’s How Strong Our Love Is”.

“Ich wollte dieses Lied mit einer Frau singen, einer echten Frau, und Jennifer ist so ein Mensch für mich”, sagt Adams, “weil sie soviel durchgemacht hat. Deshalb dachte ich mir, dass sie sich mit dem Song identifizieren kann. Sie macht den Song glaubwürdig.” Tatsächlich ist eine erstaunlich lässige Ballade dabei rausgekommen. Auch sonst ist “Shine A Light” eine coole Platte geworden, die Spaß macht.

Das britische Magazin “Classic Rock” unterstellte Bryan Adams vor Jahren, er würde nur noch “Musik für Dinner-Partys” machen. Dass der Grammy-Gewinner etwas seicht geworden war, stimmt wohl. Seinem Erfolg und seiner Popularität hat das nicht geschadet. Im Gegenteil. Jetzt, im Jahr seines 60. Geburtstags, setzt der Kanadier wieder auf den klassischen Rocksound.

Wie schon auf dem Studioalbum “Get Up” von 2015 hat er sich vom amerikanischen Rock’n’Roll inspirieren lassen. Dass “Shine A Light” tatsächlich rockiger als die Vorgänger geraten ist, will Adams aber nicht bestätigen. “Ich weiß nicht”, zweifelt er. “Ich hab das Gefühl, dass alle meine Platten gutes Tempo und gute Dynamik haben.”

“Part Friday Night, Part Sunday Morning” und “Driving Under The Influence Of Love” sind schmissige Gute-Laune-Rocker mit Gitarren und Klavier, die auch zu Bruce Springsteen passen würden. “All Or Nothing” startet mit echten AC/DC-Riffs. “Das ist ein großartiges Gitarrenriff”, freut sich Adams. “Das Lied hatte ich schon eine Weile rumliegen. Ich finde, das hätte auch auf jedem meiner anderen Alben sein können.” Stimmt. Dank des eingängigen Refrains hätte es sich selbst auf Adams’ Kultalbum “Reckless” zwischen Klassikern wie “Run To You”, “Somebody” oder “Summer Of ’69” nicht verstecken müssen.

In den 80er Jahren schüttelte der Kanadier einen Kracher nach dem anderen aus dem Ärmel – Songs, die bis heute im Radio laufen, auf Partys für heisere Kehlen sorgen und selbst die spießigsten Gäste nach dem zweiten Bier zur Luftgitarre greifen lassen. Einige wurden erst später Kult, nachdem sie ursprünglich kein Erfolg waren. “Meine Musik entwickelt manchmal ein eigenes Leben”, sagt Adams, so auch “Summer Of ’69”. “Es ist dieser Trinken-Party-Karaoke- und Es-ist-Wochenende-Song geworden. Ich kann mir das nicht erklären.”

Mit “(Everything I Do) I Do It for You” steuerte Adams den Welthit zu Kevin Costners Kassenschlager “Robin Hood – König der Diebe” bei. Dann wurde seine Musik etwas softer mit Schnulzen wie “Let’s Make A Night To Remember”, dem viel zu elektronischen “Cloud Number 9″ und eben mit Barbra Streisand. Adams’ langjähriger Leadgitarrist und Kumpel Keith Scott hatte zwischenzeitlich etwas weniger zu tun. “Den stört das überhaupt nicht. Er ist einer der lockersten, nettesten Typen überhaupt”, lacht Adams. “Keine Sorge, bei den Konzerten steht er voll im Rampenlicht.”

Scott, den er seit seinem 16. Lebensjahr kennt, sei wie ein Bruder, sagt Adams. Auf “Shine A Light” darf er sich wieder an der Gitarre austoben. Die meisten der neuen Songs sind kernig, erdig, rockig, dynamisch – und manchmal erstaunlich kurz. “No Time For Love” ist gerade mal zwei Minuten lang.

Ganz frei von Kitsch ist das Album nicht. “Talk To Me” und “Don’t Look Back” sind stilistisch nah an den Singles, die in den 1990ern und 2000ern ständig im Radio zu hören waren, wenn man eigentlich lieber nochmal “Run To You” gehört hätte. “I Could Get Used To This”, für das Musical “Pretty Woman” geschrieben, hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, dauert aber auch nicht mal zwei Minuten. Die drei Lieder sind die einzigen leichten Schwächen des Albums.

Es überwiegen die Ohrwürmer. Der Titelsong, den Adams zusammen mit Superstar Ed Sheeran (“Shape Of You”) geschrieben und seinen Eltern gewidmet hat, ist so einer. Oder das äußerst tanzbare “The Last Night On Earth”. “Küss mich, als wäre es die letzte Nacht auf der Erde”, singt Adams da. Die Texte sind einfach, aber charmant. Und sie eignen sich gut zum Mitsingen.

Der entspannt wirkende Musiker schließt sein Album mit einer hervorragenden Adaption des Rockklassikers “Whiskey In The Jar”, ursprünglich ein irischer Folksong, der in einer gitarrenlastigen Version erst von Thin Lizzy und später von Metallica populär gemacht wurde. “Die Idee hatte mein Lichtregisseur, als wir in Irland aufgetreten sind”, berichtet Adams. “Ich wollte das nur mal einen Abend probieren, weil das so ein cooler Song ist.”

Es habe ihm dann so gut gefallen, dass “Whiskey In The Jar” auf dem Album gelandet ist. Statt der markanten Gitarren setzt Adams allerdings auf Mundharmonika. Seine rauchige Stimme passt perfekt zu der Kultnummer, die auf der laufenden UK-Tournee gut ankommt.

Viele Songs auf “Shine A Light” haben das Potenzial zur Single. In den 90er Jahren wäre Bryan Adams damit wohl Dauergast im Privatradio gewesen. Aber die Poplandschaft um ihn herum hat sich verändert. Neben Ariana Grande, Cardi B oder Calvin Harris wirkt Adams heute etwas altmodisch – das allerdings im positiven Sinne und auch ganz bewusst. Der Erfolg: Mit “Shine A Light” hat der Sänger und Songwriter sein bestes Album seit 15 Jahren aufgenommen. (dpa)