Löw mit fragilem Defensiv-Gebilde: „Bewusst viel riskiert“

Als Rückschlag wollen Joachim Löw und sein Team das 3:3 gegen die Schweiz nicht werten. Hauptproblem bleiben die Defensiv-Fehler. Der Bundestrainer beruhigt: Noch sei Zeit bis zur EM.

Nach dem zweiten Kölner Torefestival in einer Woche schaute der DFB-Boss persönlich in der Kabine vorbei. Präsident Fritz Keller würdigte Toni Kroos für 100 Länderspiele, auch wenn die Jubiläums-Partie nicht ganz nach den Vorstellungen der Gastgeber ablief.

Für Bundestrainer Joachim Löw war der Abschluss einer komplizierten Länderspielwoche vor allem „nochmal ein Schritt nach vorne, was Einsatzbereitschaft, Kampfgeist und Moral angeht, einen 0:2-Rückstand umzudrehen. Da hat man gemerkt, dass wir das Spiel auf keinen Fall verlieren wollen. Dass wir zurückgekommen sind, war gut. Da gab es ein richtiges Aufbäumen der Mannschaft.“

Die Haupterkenntnis aber bleibt: Die deutsche Nationalmannschaft ist noch ein höchst fragiles Gebilde im Oktober 2020. Nach drei Länderspielen mit Licht und Schatten, vielen Diskussionen und dem zwiespältigen 3:3 gegen bissige Schweizer muss Löw nun bis zum November warten, bevor er weiter an der Stabilität seines Teams arbeiten darf. „Man kann viel aus dem Spiel mitnehmen“, meinte der Bundestrainer nach einem Kölner Geisterspiel, das Zweifel und Hoffnungen gleichzeitig verstärkte.

Löw ordnete auch den Abend der offenen Abwehrreihen in das große Ganze seines EM-Plans für 2021 ein. „Wir haben bewusst viel riskiert“, sagte der 60-Jährige: „Wir haben überall auf dem Platz Mann gegen Mann gespielt.“ Fehler waren sozusagen einkalkuliert. „Wir hätten gern gewonnen. Wir haben eindeutig zu viele Gegentore kassiert, haben uns aber im Laufe des Spiels gefangen und hatten dann die Spielkontrolle“, fasste Kapitän Manuel Neuer das dritte Unentschieden im vierten Nations-League-Spiel der Saison zusammen.

Auch Löw muss die Erkenntnis mitnehmen, dass die Balance zwischen der Offensivkraft und der nötigen defensiven Stabilität weiter nicht stimmt – unabhängig von jedem taktischen System. Sieben Gegentore in drei Partien kassierte das Team, schoss aber auch acht. Die Spieler erkannten gegen die Schweiz eine Weiterentwicklung. „Unser Problem waren die ersten zehn, 15 Minuten. Danach haben wir ein gutes Spiel gemacht und uns fußballerisch zum letzten Spiel gesteigert“, befand Jubilar Kroos.

Mario Gavranovic und Remo Freuler bestraften die Mängel bei den Gastgebern. Timo Werner, Kai Havertz und Serge Gnabry schlugen zurück. „Gut, dass wir zurückgekommen sind. Wir haben echt gefightet. Aus den Rückschlägen kann man stark hervorgehen“, bemerkte Löw. Und in der Nations League hat seine Mannschaft durch Spaniens 0:1 in der Ukraine im November den Gruppensieg noch selbst in der Hand.

Beunruhigt blickt der Bundestrainer nicht nach vorne. „Wir haben schon noch ein paar Spiele. Das alles Entscheidende wird die Vorbereitung sein“, sagte er mit Blick auf die EM 2021. Die Aufgabe bleibt heikel: „Das Halbfinale ist so ein Minimalziel. Die Mannschaft hat echtes Potenzial. Wenn wir noch ein paar Dinge optimieren, können wir uns freuen“, verkündete Löw. (dpa)