Miley Cyrus erfindet sich mal wieder neu

Popstars werden immer dann besonders gehypt, wenn ihre Musik vermeintliche Rückschlüsse auf ihr Privatleben zulässt. Auch bei Miley Cyrus ist das so, die auf ihrem gespannt erwarteten neuen Album bewusst damit spielt.

Mit ihrer Single „Flowers“ hatte US-Musikerin Miley Cyrus Anfang des Jahres den größten Erfolg ihrer Karriere. Der Song landete nicht nur auf Platz eins der US-amerikanischen, sondern erstmals auch der deutschen Charts. In den Sozialen Medien ging das Lied der 30-Jährigen, das von der Selbstermächtigung nach einer Trennung handelt, viral. „Flowers“ brach auch den Spotify-Rekord für das innerhalb einer Woche am häufigsten gestreamte Lied.

Dementsprechend gespannt war ihr achtes Studioalbum „Endless Summer Vacation“ erwartet worden. Und es enttäuscht nicht – den hohen Ohrwurm-Charakter von „Flowers“ kann es allerdings auch nicht halten. „Endless Summer Vacation“ ist eine solide Mischung aus Pop-Songs mit Synthie- und vereinzelt leichtem Country-Einschlag.

Es dreht sich viel um Liebe und Sex

Auf ihren vorangegangenen Alben hat die in Nashville geborene Tochter des Country-Musikers Billy Ray Cyrus verschiedene Genres der Pop-Musikgeschichte durchgespielt. Ihre musikalische und Image-bezogene Emanzipation vom Disney-Charakter Hannah Montana, den Cyrus als Teenager gespielt hatte, begann mit dem Dance-Pop-Album „Bangerz“ von 2013. Danach folgten als stilgebende Einflüsse Psychedelic Pop („Miley Cyrus & Her Dead Petz“), Country („Younger Now“) und 80ies Rock („Plastic Hearts“).

„Endless Summer Vacation“ ist nun ein bisschen von allem. Das Album vereint Balladen, Mid-Tempo-Songs und Elektrokracher wie die zweite Single „River“, die Erinnerung an den Synth-Pop-Klassiker „You Spin Me Round (Like a Record)“ weckt. Neben „Flowers“ – dem weiterhin unangefochtenen Hit, der gleich in zwei Versionen auf dem Album zu hören ist – gibt es eine Handvoll Highlights. „You“ etwa, eine walzerhaft eingängige Powerballade, die vor dem Hintergrund einer Klaviermelodie und druckvollen Beats eine wilde nächtliche Romanze fantasiert.

Ohnehin geht es viel um Liebe und Sex auf diesem Album. Zur Miley-Cyrus-Geschichte gehört dabei immer die Selbstbehauptung. Singt Cyrus also von Gefühlen, ist die Erinnerung an Eigenständigkeit nie weit.

Entsprechend heißt es im starken Mid-Tempo-Elektrosong „Wildcard“: „I love when you hold me/ But loving you is never enough/ And don’t wait for me/ ‚Cause forever may never come“. Übersetzt also etwa: „Ich liebe es, wenn du mich hältst/ Aber dich zu lieben ist nie genug/ Und warte nicht auf mich/ Weil es ein „für immer“ vielleicht nie geben wird“.

Miley Cyrus behält die Kontrolle über ihr Image

Vor allem jüngere Popstars werden immer dann besonders gehypt, wenn ihre Musik vermeintliche Rückschlüsse auf ihr Privatleben zulässt. Das gibt den Fans Möglichkeiten, Rätselraten zu spielen, und natürlich auch eine gefühlte Nähe zum verehrten Star. Interpretationen, die Cyrus‘ Break-Up-Song „Flowers“ auf ihre Trennung vom langjährigen Partner Liam Hemsworth bezogen, gingen fast genauso schnell viral wie der Song selbst.

Und wie andere Popstars, allen voran etwa Taylor Swift, spielt Cyrus mit diesen Zuschreibungen. Die Single „Muddy Feet“ hat sie mit der Popmusikerin Sia aufgenommen. Ein weiteres musikalisches Highlight, das sich ganz auf eine lässig im Hintergrund geisternde Klaviermelodie und reduzierte Beats verlässt. Textlich rechnet das lyrische Ich mit einem Gegenüber ab, das sie betrogen hat. Männliche Untreue ist längst Teil der Fan-Interpretationen über die Frage, warum Cyrus sich von Hemsworth getrennt hat. Beide haben das in der Öffentlichkeit natürlich nie so gesagt.

Vor allem weiblichen Popstars – die, wie wir aus der Geschichte etwa um Britney Spears wissen, häufig aufs Übelste bevormundet wurden – geht es inzwischen häufig darum, die Kontrolle über das eigene Image und die Musik zu bewahren. Auch wenn „Endless Summer Vacation“ aus der Feder verschiedener Produzenten und Musikerinnen und Musiker stammt, ist Cyrus bei jedem Track als Songwriterin mitgelistet (bei einigen Liedern steht hier übriges auch der Name der aus Berlin stammenden Musikerin Bibi Bourelly).

Cyrus gründete vor ein paar Jahren ein eigenes Label und machte einst Schlagzeilen damit, ihr Management Berichten zufolge mit Menschen aus ihrem Freundeskreis besetzt zu haben. Selbstermächtigung ist ihr sowohl als öffentliche Person als auch als musikalisches Thema wichtig. „Endless Summer Vacation“ schafft da eine gute Klammer. Und Spaß anzuhören macht es auch. (dpa)