Oberammergau startet Richtung Passion

In Oberammergau sprießen wieder Haare und Bärte – aber nicht wegen des Corona-Lockdowns, sondern um der Tradition willen. 2022 will der Ort seine berühmten Passionsspiele auf die Bühne bringen.

Wochenlang hatten die Friseure zu – doch kurz bevor wieder ein schicker Schnitt möglich wäre, heißt es in Oberammergau: Hände weg von Schere und Rasiermesser. So will es die Tradition. 2022 will der Ort seine wegen der Pandemie um zwei Jahre verschobenen Passionsspiele auf die Bühne bringen. Deshalb gilt seit Aschermittwoch der Haar-und Barterlass.

Spielleiter Christian Stückl und Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) schlugen am Vormittag offiziell das Plakat mit dem Aufruf an. „Alle Mitwirkenden und alle Kinder, die an den Passionsspielen 2022 teilnehmen, werden hiermit vom Spielleiter und der Gemeinde Oberammergau aufgefordert, sich ab Aschermittwoch, den 17. Februar 2021, die Haare, die Männer auch die Bärte, wachsen zu lassen.“

Rund 2400 Oberammergauer, fast die Hälfte der Einwohner, wirken mit. Nur die Darsteller der römischen Soldaten, die Musiker und Helfer hinter der Bühne dürfen glattrasiert und mit kurzem Haar dabei sein. Auch der Engel, dargestellt von zwei jungen Männern, bleibt bartlos.

Dabei ist dieses Mal einiges anders. Viele haben schon lange Haare und Bärte – Corona-Outfit. Auch bei Jesus geht es nicht ganz kurz los. Frederik Mayet und Rochus Rückel, die im Wechsel den Christus verkörpern, haben die Haare seit Monaten nicht geschnitten. „Mit den Haaren wächst auch die Vorfreude“, sagt Rückel. Er hat einen Vorsprung von fast einem Jahr, bei Mayet ist es ein halbes.

Bei besonders Ambitionierten sprießt es seit dem Haar- und Barterlass vor zwei Jahren – so bei Sebastian Schulte, der einen Kaiphas-Diener gibt. Der Bart störe nicht, sagt er. Damit die FFP2-Maske angedrückt wird, hat er ein Tuch darüber gezogen – Bart und Maske passen nicht gut zusammen. Deshalb herrscht zwecks Infektionsschutz dieses Jahr bei den Bärten Kulanz: Jeder kann vorerst selbst entscheiden, wie er es mit dem Bartwuchs hält. Das sei „in Ordnung“, sagt Stückl. Er selbst steht nicht auf der Bühne – und braucht keine Passionsfrisur: „Ich geh am 1. März zum Friseur.“

Mehrfach waren die Passionsspiele in ihrer fast 400-jährigen Geschichte verschoben worden, so auch vor 100 Jahren wegen des Ersten Weltkrieges und der Spanischen Grippe. Jetzt sind Stückl, Rödl und der Geschäftsführer der Vertriebsgesellschaft, Walter Rutz, optimistisch, dass 2022 klappt. „Wir sind guter Dinge“, sagt Rödl. Stückl äußert sich zurückhaltender. „Man hat die eine oder andere Nacht, in der man denkt: Hoffentlich läuft es.“

Bei den derzeitigen Regeln seien Aufführungen mit 800 Menschen auf der Bühne und 4500 im Zuschauerraum nicht machbar, sagt Stückl. Aber: „Wir haben ja noch ein Jahr Zeit.“ Die Hoffnung ruhe auf der Impfung – und der Zusage der Politik, dass bis September jeder ein Impfangebot habe. „Merkels Wort in Gottes Ohr.“ Es sei ein Startschuss in eine ungewisse Zukunft – „aber mit Hoffnung“. Müsse nochmals verschoben werden, komme man bereits an das nächste reguläre Datum 2030 heran.

Im Januar will Stückl die Darsteller wieder auf die Bühne holen. Gerade bei Massenszenen wird es eng: „Haben sich die Leute bis dahin so an Distanz gewöhnt, dass sie Nähe erst wieder lernen müssen?“

Ob Christus wirklich langes Haar und Bart trug, ist unklar. In Evangelien ist über sein Aussehen kaum etwas zu erfahren. Teils wurde er in frühen Darstellungen kurzhaarig und ohne Bart gezeigt.

Auch in Oberammergau waren lange Haare und Bart womöglich nicht immer Pflicht. Bis 1720 gab es pro Passionsjahr nur zwei Aufführungen. „Ich glaube, da hat es sich nicht rentiert, dass man sich die Haare hat wachsen lassen“, sagt Stückl. Hundert Jahre später ist dann überliefert, dass acht Perücken angeschafft wurden. In den 1968-ern habe die Tradition Proteste via langem Haar zunichtegemacht. „In Oberammergau hat der Opa halt auch die Haare wachsen lassen.“ Der Ort sei „alle zehn Jahre ein Dorf von Hippies“ geworden.

Die Passion geht auf ein Pestgelübde im Jahr 1633 zurück. Damals versprachen die Oberammergauer, alle zehn Jahre die Passion aufzuführen, wenn niemand mehr an der Seuche sterbe.

Das Laienspiel vom Leben, Sterben und von der Auferstehung Jesu soll vom 14. Mai bis 2. Oktober 2022 auf die Bühne kommen. Eine Woche vor der offiziellen Premiere sollen erstmals 9000 Jugendliche aus aller Welt die Passion zum günstigen Preis sehen können.

Noch sind wie überall Hotels, Gaststätten, Restaurants und auch die Souvenirgeschäfte der Herrgottsschnitzer zu. Kaum vorstellbar, dass in gut einem Jahr hier rund 450 000 internationale Besucher erwartet werden. Doch der Ticketverkauf läuft bestens – 65 Prozent der Karten sind laut Rutz vergeben. „Unsere Besucher sind alle optimistisch.“ (dpa/lby)