„True North“: Großes Kino für die Ohren von A-ha

Zweimal haben sich A-ha schon aufgelöst. 40 Jahre nach der Gründung droht den norwegischen Popgiganten die nächste Trennung. Das neue Album „True North“ könnte das letzte von A-ha sein.

Mit einem neuen Album auf dem Markt und einem passenden Film dazu im Kino gäbe es bei A-ha eigentlich allen Grund zur Freude. Doch vor der Veröffentlichung von „True North“ ist die Stimmung zwischen den drei Norwegern leicht angespannt. Es droht mal wieder das Ende der Band. „Ich habe schon mal gesagt, dass A-ha am Ende sind“, gibt Keyboarder Magne Furuholmen zu. „Ich glaube, ich hab es mehrfach gesagt und jetzt sitze ich hier schon wieder. Also werde ich nicht sagen, dass es das Ende ist.“

Dass A-ha mit „True North“ auf Tournee gehen, ist vorerst nicht zu erwarten. „Das war ursprünglich der Plan, aber ich weiß nicht, ob es dazu kommen wird“, sagt Furuholmen (59) leicht resigniert im Zoom-Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in London und verweist auf Leadsänger Morten Harket (63). „Es hängt davon ab, was Morten denkt, ob er seine Freude am Touren wiederentdeckt. Ich glaube nicht, dass wir auf Tournee gehen sollten, wenn das für ihn nur Druck bedeutet und überhaupt keine Freude. Ich kann also nichts versprechen.“

Schade, denn mit „True North“ legen A-ha ein wunderbares neues Album vor, das neue musikalische Seiten der Norweger zeigt – und das es verdient, live gehört zu werden. Aufgenommen wurden die neuen Songs in der norwegischen Küstenstadt Bodø, 90 Kilometer über dem nördlichen Polarkreis. Die Band – Harket, Furuholmen und Gitarrist Paul (früher Pål) Waaktaar-Savoy (61) – ließ sich dabei vom Orchester der norwegischen Arktischen Philharmonie begleiten.

Nicht nur räumliche Distanz

Furuholmen und Waaktaar-Savoy teilten sich das Songwriting, schrieben aber getrennt voneinander, wie der Keyboarder betont. Privat verbindet die drei Jugendfreunde nichts mehr. Außerdem ist da die räumliche Distanz. Waaktar-Savoy lebt in den USA, seine Bandkollegen in Norwegen. „Aber wir wohnen angenehm weit voneinander entfernt“, sagt Furuholmen, der in Oslo zuhause ist, und lacht trocken.

Von ihm stammen unter anderem der epische Titelsong, der ein kleines bisschen an den bandeigenen Klassiker „Stay On These Roads“ erinnert, das ebenfalls recht A-ha-typische „Summer Rain“ und der größte Ohrwurm des Albums, das unerhört eingängige „Bluest Of Blue“.

Waaktaar-Savoy, der seinen Wohnsitz in Los Angeles hat, hat „True North“ einen Hauch von amerikanischem Westcoast-Pop der 60er und 70er Jahre verpasst. „Ich erkenne, dass Pål sich beim Schreiben mehr in Richtung American Songbook bewegt“, bestätigt sein Bandkollege im dpa-Gespräch. „Bumblebee“, „Oh My Word“ und das wunderschöne „Hunter In The Hills“» lassen Einflüsse legendärer Songwriter wie Burt Bacharach oder Glenn Campbell erkennen.

Melancholie und Sehnsucht

„True North“, das Furuholmen als „ein Gedicht aus dem hohen Norden Norwegens“ bezeichnet, ist ein insgesamt melancholisches Album. „Die Natur, das Meer und die dramatischen Landschaften Norwegens sind mit einem Gefühl von Melancholie und Sehnsucht verbunden, das alles untermauert, was wir machen“, erklärt der 59-Jährige im Film zum Album, der im Prinzip nur ein sehr langes Musikvideo mit schönen Landschaftsaufnahmen und Sprechpassagen zwischen den Songs ist.

Dank des Arktisk-Filharmoni-Orchesters hat die Musik auch ohne die schönen Bilder cineastisches Flair. Dass die einst als Boygroup missverstandene Band großes Kino für die Ohren liefern kann, ist spätestens seit ihrem genialen James-Bond-Titelsong „The Living Daylights“ (1987) bekannt. 35 Jahre, zahlreiche Hits und zwei Trennungen später gibt es keine Anzeichen dafür, dass den Songwritern Furuholmen und Waaktaar-Savoy die Ideen für A-ha ausgehen.

Vielleicht gibt es doch noch eine Hoffnung auf eine gemeinsame Tournee und weitere Alben des Trios. A-ha sollten sich den Text von „I’m In“, dem Eröffnungssong von „True North“, als Motto nehmen. „Niemals aufgeben, hör nicht auf“, singt Harket, „lass die Mächte, die uns auseinanderreißen, nicht glauben, dass sie gewinnen können.“ Privat mögen sich die A-ha-Musiker voneinander entfernt haben, musikalisch sind Morten Harket, Magne Furuholmen und Paul Waaktar-Savoy gemeinsam immer noch grandios. (dpa)